21.000 ungeimpfte Kinder sind kein Randproblem, sondern ein Warnsignal
Dr. Frank Intert, Rotary International End Polio Now Coordinator Zone 15 & 16

Die neuen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und von UNICEF sind auf den ersten Blick ermutigend. Weltweit wurden 2025 mehr Kinder geimpft als im Vorjahr. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, wie schnell Fortschritte ins Wanken geraten können. 

In Deutschland haben rund 21.000 Kinder keine erste Impfung gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis erhalten. Gemessen an der insgesamt hohen Impfquote wirkt diese Zahl klein. Sie sollte uns trotzdem beschäftigen. 

 Deutschland hat kein grundsätzliches Impfproblem. Aber genau darin liegt die Herausforderung. Impfprogramme sind so erfolgreich, dass viele Menschen die Krankheiten, vor denen sie schützen, nie kennengelernt haben. Was früher zumAlltag gehörte, kennen heute viele nur noch aus Erzählungen oder Lehrbüchern. 

Die meisten jungen Eltern haben nie erlebt, wie ein Kind an Kinderlähmung erkrankt. Sie mussten nie mit ansehen, wie Diphtherie innerhalb kurzer Zeit lebensbedrohlich werden kann oder welche Folgen eine Masernerkrankung habenkann. Dass sie diese Erfahrungen nicht machen mussten, gehört zu den größten Erfolgen der modernen Medizin. 

Dieser Erfolg hat allerdings auch eine Kehrseite. Je seltener Krankheiten werden, desto leichter gerät in Vergessenheit, warum Impfungen überhaupt so wichtig sind. Die unmittelbare Bedrohung verschwindet aus dem Bewusstsein. Genaudeshalb braucht es immer wieder Aufklärung. 

In Deutschland stehen alle von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Schutzimpfungen für Kinder kostenfrei zur Verfügung. Entscheidend ist deshalb, dass Eltern gut informiert sind und offene Fragen frühzeitig geklärtwerden. 

Polio ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Deutschland ist seit Jahrzehnten frei von einer endemischen Übertragung des Virus. Verschwunden ist das Poliovirus deshalb nicht. Es zirkuliert weiterhin in einzelnen Regionen der Welt und wurdein den vergangenen Jahren wiederholt im Abwasser europäischer Länder, darunter auch Deutschland, nachgewiesen. 

Dass daraus keine Krankheitsausbrüche entstanden sind, ist kein Zufall. Es zeigt vielmehr, wie gut Impfungen wirken. Eine hohe Immunität in der Bevölkerung und eine konsequente Überwachung verhindern, dass sich das Virus erneutausbreiten kann. 

Genau deshalb dürfen wir uns von hohen Impfquoten nicht in falscher Sicherheit wiegen. Sie sind kein Selbstläufer. Jede Generation muss neu davon überzeugt werden, warum Impfungen wichtig sind. Jede Impflücke erhöht das Risiko, dassKrankheiten zurückkehren, die wir längst überwunden glaubten. 

Seit fast 40 Jahren verfolgt die Global Polio Eradication Initiative ein ehrgeiziges Ziel: die Kinderlähmung weltweit auszurotten. Rotary International gehört zu ihren Gründungspartnern und arbeitet gemeinsam mit der WHO, UNICEF und weiteren Organisationen daran, dass künftig kein Kind mehr an Polio erkrankt. Mehr als 1,5 Millionen Menschenleben konnten bereits gerettet werden. Darüber hinaus wurden schätzungsweise über 20 Millionen Fälle dauerhafterLähmungen und damit Invalidität verhindert. Heute kommt das Virus nur noch in wenigen Endemiegebieten vor. 

Wir sind diesem Ziel näher als je zuvor. Gerade deshalb wäre jetzt der falsche Zeitpunkt, nachzulassen. Solange das Virus irgendwo auf der Welt zirkuliert, ist diese Aufgabe nicht beendet. 

Die 21.000 ungeimpften Kinder in Deutschland sind deshalb weit mehr als eine Zahl in einer Statistik. Sie erinnern uns daran, dass der Erfolg von Impfungen nicht selbstverständlich ist. Er muss immer wieder neu gesichert werden – durchAufklärung, Vertrauen und die Bereitschaft, auch dann zu impfen, wenn die Krankheit selbst längst aus dem Alltag verschwunden ist.